Alpha Point

Schleswiger Nachrichten vom 28.12.2016

 

 

 

 

 

 

 

Heiko Ewert überreicht Julia Pfannkuch, Ursula Nielsen und Wiebke Fischer (von links) die neuen Geräte, aus denen der „Alpha-Point“ bestehen wird. Foto: lausen

Wenn Buchstaben große Rätsel sind - Allein in Schleswig können mehr als 2000 Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben – in der Stadtbücherei finden sie nun Hilfe

Schleswig | „Vermeiden, delegieren, täuschen und abtauchen“ – so beschreibt Wiebke Fischer, Leiterin der Regionalstelle „Lesen und schreiben lernen für Erwachsene“, den Prozess derjenigen, die ihre Kurse besuchen. Und sie fügt hinzu, dass sie oft gefragt werde, wie es denn sein könne, dass Menschen nicht lesen und schreiben können, obwohl sie in der Schule waren. „Das kann man wieder verlernen, und zwar durch Vermeidung“, so Fischer.

Um dem weiter entgegenzuwirken und erwachsenen Menschen es zu ermöglichen, das Lesen und Schreiben zu lernen, wird Anfang Januar in der Stadtbücherei ein „Alpha-Point“ zur Verfügung stehen, wo mithilfe von Notebook, Tablet, Drucker und Kopfhörern eine audiovisuelle Lerngelegenheit geschaffen wird. Für die Alphabetisierungskampagne „Lesen macht Leben leichter“ arbeiten die Stadtbücherei und die Volkshochschule zusammen. Sie werden von den schleswig-holsteinischen Sparkassen unterstützt, die die Finanzierung des Projektes sichern. Nun übergab Heiko Ewert, Filialbereichsleiter der Nord-Ostsee-Sparkasse in Schleswig, die Hardware an Büchereileiterin Ursula Nielsen.

Wiebke Fischer meinte: „Heutzutage kann jeder ein Konto haben, aber was nützt es den Menschen, die es nicht selbst bedienen können?“ Sie berichtete von ihrer langjährigen Arbeit, Erwachsenen Menschen Lesen und Schreiben beizubringen und machte darauf aufmerksam, dass es für die Betroffenen ein großes Problem sei, stets von anderen abhängig zu sein. „Diese Abhängigkeit kommt noch zu all den Anstrengungen hinzu, die man unternehmen muss, um die Situation zu vertuschen.“ Für Fischer geht nun ein Traum in Erfüllung, denn der „Alpha-Point“ in der Stadtbücherei mache die Lernwilligen unabhängiger, da sie hier selbstständig lernen können.

Auf den gespendeten Geräten werden Lernprogramme installiert, mit deren Hilfe ein selbstständiges Lernen ermöglicht wird. Zudem können die E-Learning-Portale des Deutschen Volkshochschul-Verbandes „ich-will-lernen.de“ und „ich-will-deutsch-lernen.de“ genutzt werden.

Ursula Nielsen freute sich ebenfalls über die neuen Geräte: „Das ist grundsätzlich eine Bereicherung für unsere Stadt, denn der Lauf der Zeit ist nicht aufzuhalten, und es ist wichtig, Menschen auch mit neuer Technik vertraut zu machen.“

Aber auch Bücher sollen weiterhin genutzt werden. Notebook, Tablet und Drucker sind nur die Fortsetzung. Die Hauptsache ist, dass Betroffene niederschwellig an die Kurs- und Medienangebote der Kampagnen-Partner herangeführt werden. Darüber hinaus sollen die „Alpha-Points“ dazu beitragen, die Öffentlichkeit für das Thema funktionaler Analphabetismus zu sensibilisieren.

In Deutschland leben 7,5 Millionen deutschsprachige Menschen, die nur begrenzt oder gar nicht lesen können. Das ergab eine Studie der Universität Hamburg vor fünf Jahren. Demnach wären in Schleswig-Holstein rund 250 000 Menschen betroffen – und weit mehr als 2000 allein in der Stadt Schleswig. Sie bleiben von vielen Dingen ausgeschlossen, die für andere selbstverständlich sind. Jonna Lausen