Büchernacht Pressebericht

Schleswiger Nachrichten vom 26.06.2017

„Büchernacht“ mit Einblick in das Leben von Gastarbeitern

Nuray Cesme Foto: jcw

Schleswig | Wenn Nuray Cesme über ihre Familie erzählt, dann ist das auch immer die Geschichte von Millionen anderen Menschen. Denn wie so viele Gastarbeiter, kamen auch ihre Eltern in den 1960er Jahren nach Deutschland. Sie suchten finanziellen Wohlstand und fanden sich wieder in einer völlig fremden Kultur. Cesme selbst wurde dann in Neumünster geboren und erlebte den schwierigen Weg ihrer Eltern. Aus diesen Erfahrungen hat sie den Roman „Der Wille versetzt Berge“ entwickelt, mit dem sie derzeit auf Lesereise ist und am Sonnabend zu Gast war bei der „Schleswiger Büchernacht“ in der Stadtbücherei. „Integration funktioniert richtig gut, sie muss aber von beiden Seiten kommen“, ist eine ihrer Einsichten.

Es sind emotionale Erinnerungen, die Cesme in ihrem Debütroman mit ihrem Publikum teilt. Da wäre zum Beispiel der Vater, der beflügelt vor Freude von der Arbeit nach Hause radelt, weil er zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum mit Blumensträußen und Einkaufsgutschein eines Juweliers beschenkt worden ist. Stolz und Dankbarkeit habe er empfunden für die Würdigung seiner Arbeit, für die Anerkennung als Mitglied der deutschen Gesellschaft, berichtet die Autorin. Dabei zeichnet sie liebevoll ein detailreiches Bild ihres Vaters, das wohl symbolhaft für Generationen von Gastarbeitern steht. „Meine Eltern hatten keine Ahnung von der Kultur, von den Sitten und von der deutschen Sprache“, berichtete Cesme. Wie eine Odyssee wirken die Stationen auf der langen Reise ihrer Eltern, die mit falschen Annahmen nach Deutschland gekommen seien. Falsch seien auch die Erwartungen der Bevölkerung hier gewesen, hätten doch beide Seiten angenommen, die Gastarbeiter seien nur für eine begrenzte Zeit zu Besuch in diesem Land. „Stattdessen erlebte mein Vater, wie Fremdes zu Heimat und die Türkei ein wenig fremd wurde“, erzählte Cesme.

Sie erinnert sich auch an ihren ersten Schultag, an dem sie statt Schultüte eine Aldi-Tüte trug und sich in Grund und Boden schämte – und an den Beginn einer wunderbaren Freundschaft an gerade diesem Tag, die bis heute andauert. Es sind einprägsame Sätze, die Cesme ihren Zuhörern mit auf den Weg gibt. Von ihren Eltern habe sie gelernt, ihren Glauben an Gerechtigkeit nicht zu verlieren und darauf zu vertrauen, dass harte Arbeit sich irgendwann auszahlen wird. Es sind Werte, die sie selbst und mehrere Stimmen aus dem Publikum heute in Gefahr sehen.

Cesmes Auftritt war der emotionale Höhepunkt einer erneut gut besuchten „Büchernacht“, bei der viele bekannte Schleswiger auftraten und auch die musikalische Unterhaltung stimmte. Der Erlös kommt dem Gastgeber, dem Förderverein „Alibris“, zugute. jcw

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